Alles Stumphsinn!

Für mich hieß der fröhliche Mann mit der Rotzbremse nicht Wolfgang Stumph, sondern Wilfried Stubbe. Eigentlich nur Stubbe. Typische Wessi-TV-Arroganz eben. Wäre ich ein Ossi, hätte ich „meinen“ Stumpi natürlich völlig anders wahrgenommen. Nun aber, beim Dinner der Davidoff Tour Gastronomique im Bayrischen Haus in Potsdam, lernt der Wessi sehr schnell, wes Geistes Kind der Stumph ist.

Da steht einer, völlig ungekünstelt – heute heißt das „authentisch“ – vor den Gästen und redet frei von der Leber weg (die hat Küchenchef Alexander Dressel nicht aufs Menü geschrieben, dafür Presskopf vom Westfälischen Landhuhn, geschmorte Quitten und Amalfi-Zitronen). Er bietet nicht irgendwelche Höflichkeiten, sondern Kabarett. Da geht es um „die neuen und die gebrauchten Bundesländer“, um die Gesundheitsreform, die er als „Schmidtgriff“ bezeichnet, und ums Fernsehen. Natürlich. Schließlich ist das sein Medium.

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Stumph&Dressel ©Davidoff

Obwohl er da manchmal Alpträume bekommt. „Man wacht auf und denkt, man wäre ein Bauer und sucht eine Frau. Oder die Dicke von RTL krempelt die Küche um.“ Der Mann hat 16 Jahre Kabarett-Erfahrung mit „Antrak auf Stumphsinn“ (mit Gunter Antrak und Detlef Rothe), gab mehr als 1.500 Gastspiele in ganz Deutschland. Als überzeugter Ossi war er denn über den Mauerfall auch besonders glücklich: „Endlich konnten auch Westdeutsche ungehindert in den Osten fahren!“

Stumph ist politisch, kritisch und ein Menschenfreund. Als er Dressel in dessen Küche besucht, bemerkt er nur, „wenn ich koche, dann aus Wut.“ Eigene Versuche endeten kläglich, etwa mit der Explosion eines Wasserkessels voller Kartoffeln.

Sein „Salto Portale“ gab’s ja nicht immer schon als Buch, sondern lief im ZDF. „Das war eigentlich ein satirisches Format, das haben die aber nicht gemerkt“, grinst er verschmitzt und amüsiert sich darüber heute noch. Zwischen gelierter tiefgrüner Brunnenkressebrodo, Ochsenschwanz und Pastrami mit einem sächsischen Weiß- und Grauburgunder von Martin Schwarz sowie Wolfsbarsch mit Teltower Rübchen, Schafsmilchjoghurt und Dörrpflaumen (der Barsch tat sich gegen solch eine Aromafront doch etwas schwer) las beziehungsweise plauderte Stumph auch aus seinem Familienleben, was Tochter Stephanie (ebenfalls erfolgreiche Schauspielerin) und Gattin Christine tatsächlich amüsierte, obwohl alles, eigener Aussage nach, der Wahrheit entsprach.

Dressels Gingerbeersorbet und der dazu gereichte Granatapfel-Lauchsalat war weit mehr als das klassische Sorbet zur Einstimmung auf den Hauptgang, hier paarten sich Schärfe und Süße in seltener Harmonie, gerade zusammen mit dem Lauch. Beim Brandenburger Reh mit Spitzkohlcannelono und Ristrettojus (plus Cranberry, die viel besser passen als die oft üblichen Preiselbeeren, weil sie kräftiger sind) fiel dann endlich der Groschen bei mir.

„Salami Aleikum“ und vor allem der geldgierige Taxifahrer in „Keinohrhasen“ hatte ich ja noch auf der Platte, aber da gab’s ja noch, genau, „Go Trabbi go“. Die Klamotte, damals, 1990, als Udo Struutz über die Alpen „machte“. „Damals bin ich mit dem Trabi durch Italien gefahren, heute werde ich mit dem Jaguar XJ durch den Potsdamer Wildpark chauffiert. Beides hat durchaus Kultcharakter.“ Seinen letzten Trabi hat er sich übrigens 1989 gekauft, ein halbes Jahr vor dem Mauerfall, für 14.000 Ost-Mark, einen Kombi. „Den Keilriemen und zwei Zylinderkopfdichtungen habe ich heute noch.“