Paartherapie Traumschiff

Wer es 18 Tage auf einem Kreuzfahrtschiff aushält, den schreckt nichts mehr im Leben und der braucht auch keine Beziehung mehr. Tagebuch einer Reise inklusive „Traumschiff“-Dreharbeiten auf der guten alten „MS Deutschland“ von Ecuador nach Mexiko.

Es war eine Reise unter erschwerten Bedingungen im Februar 2012. Frau C. und ich, beide bereits weit jenseits der 50, befanden uns im vierten Jahr einer Beziehung, die nach einem furiosen Beginn inzwischen geprägt war von ihrem Dasein auf der Überholspur und meinem immer öfter stotternden Motor, der nicht mehr so richtig  auf Touren kommen wollte. Knapp drei Wochen Kreuzfahrt sollten Gleichklang bringen. Was für ein Irrtum.

Nach 20 Stunden Anreise via Madrid nach Guayaquil in Ecuador erhielten wir im Gegensatz zu zwei anderen Passagieren (das wird später noch wichtig)  unsere Koffer, wurden nachts bei strömendem Regen zum Schiff transportiert und bezogen die Kabine Nr. 8032, die über ein Doppelbett, einen Stuhl, eine Kommode, einen Schrank und ein Bad mit Toilette verfügte.

Ich muss noch vorausschicken, dass Frau C. beruflich über einen höchst umfangreichen Freundeskreis in der deutschen TV- und Theater-Schauspielszene verfügt, selbstverständlich waren diverse Darsteller auch auf dieser Reise mit von der Partie.

1. Tag
Um 9 Uhr liefen wir aus. Frau C. hatte das Frühstück mit den Schauspielerfreunden genossen, aber die Rohkost nicht vertragen und musste ruhen. Ich stand wie jeder Kreuzfahrtanfänger an der Reling und starrte erst ins brackige Flusswasser, dann in den tiefblauen Pazifik. Nachmittags sah ich in der Ferne Delfine. Frau C. ruhte derweil auf dem Sonnendeck.
Abends wurde zum Galadinner gebeten, alle Gäste hatten sich ordentlich in Schale geworfen, bis auf die kofferlose charmante dunkelhaarige gutaussehende Schönheitschirurgin aus Berlin (sie war als Dozentin engagiert worden) und den ebenfalls kofferlosen und dennoch ständig schmunzelnden gutgelaunten bärenhaften Steuerberater aus dem mittleren Westen, der die Kreuzfahrt vor ein paar Tagen bei Ebay ersteigert hatte, um seiner Ehe zu entfliehen. Nein, das stand nicht im Drehbuch, so schrieb es das Leben. Frau C. berichtete von heftigem Sonnenbrand auf ihren Beinen.

2. Tag
Wir lagen vor Manta und machten den ersten Landausflug. Es war Regenzeit in Ecuador, die verschlammten Straßen standen meist unter Wasser, auf den Ladeflächen der Pickups schützten sich die Arbeiter mit Plastikfolien. Wir wurden zu einem Ort namens Montechristo transportiert, mit einem Zwischenstopp im Nirgendwo, in einem kleinen Familienbetrieb, einer Sisalmanufaktur. Drei Generationen verarbeiteten Agavenblätter zu Hüten, Taschen und Matten, stellten zudem allerlei Stoffwaren her. Es war die blaupausenartige Szenerie jener pittoresken Armseligkeit, die Touristen schätzen, weil sie Armut in solchen Ländern für authentisch halten. Frau C. kaufte ein blaues Schultertuch für sich und eines aus Alpaka für ihre beste Freundin.
Weiter landeinwärts, in Montechristo, wurden wir mit der Herstellung von Panamahüten vertraut gemacht, sie entstanden aus Palmfasern in mühevoller Handarbeit. Es gab niemanden, der wusste, warum diese Hüte nicht Ecuadorhüte hießen, was sie im Grunde genommen ja müssten. Ich kaufte einen für 50 Dollar, Frau C. einen für 20 Dollar und noch einen für ihre beste Freundin.
Auf dem Rückfahrt wurden wir rasch noch an einer Fabrik für Knöpfe ausgeladen, die aus Palmnüssen gefertigt und als Rohlinge tonnenweise in die USA und nach China exportiert wurden. Es gab reichlich Schlüsselanhänger und Ketten.
Zurück an Bord lernten wir beim Lunch den Schiffsjuwelier Herrn L. nebst Gattin kennen (inzwischen musste er ob der Insolvenz der Reederei wohl seinen Laden schließen, aber um ihn mache ich mir weniger Gedanken, er zählte zu jener Art Menschen, die sich nicht so rasch unterkriegen lassen).
Da die Koffer der Schönheitschirurgin und des Steuerberaters nicht nachgeliefert wurden, hatten sich beide vor Ort neu eingekleidet und waren sich dabei näher gekommen, was seitens der Passagiere mit Wohlwollen aufgenommen wurde.
Abends saßen wir erstmals mit den Schauspielerfreunden zusammen, so wie die kommenden 15 Tage, was ich aber nicht ahnte.

3. Tag
Nachts hatten wir mühelos den Äquator überquert, was am Tag mit einer dann auch im Drehbuch so vorgesehenen Äquatortaufe gefeiert wurde, bei der Menschen rohen Fisch aßen und ich als Komparse agierte, weil ich nicht immer nur essen und lesen konnte. Nachmittags besuchte ich mit Frau C. einen Spanischkursus und anschließend einen, um die Kenntnisse in lateinamerikanischen Tänzen aufzufrischen. Die Schönheitschirurgin und der Steuerberater nahmen nicht daran teil.
Nach dem Dinner mit den Schauspielerfreunden unterlief mir ein grober olfaktorischer Schnitzer, weil ich die Toilette in unserer  Kabine nutzte. Frau C. bezeichnete mich überaus erbittert als Zumutung. Künftig besuchte ich die allgemein zugänglichen Bedürfniskojen.

4. Tag
Frau C. beschloss, ab sofort im Morgengrauen den kleinen Pool zu benutzen, aus Gründen der Gesundheit, und weil sie herausgefunden hatte, dass das zur täglichen Routine des Schauspielerfreundes gehörte, der den Kapitän darstellte.
In glühender Mittagshitze machte das Schiff vor Golfito fest, einem kleinen Küstenort in Costa Rica. Der mittelamerikanische Staat hat es verstanden, aus seiner noch intakten Umwelt ein anständiges Geschäft zu machen. Zwischen den Wipfeln der Regenwaldriesen wurden dicke Drahtseile gespannt, die Baumstämme mit hölzernen Plattformen versehen. So konnten wir uns mit einem klettergurtähnlichen Sitz an den Seilen einhaken und begleitet vom metallenen Sirren der Rollen wie Vögel durch die Baumkronen fliegen. Canopy nannte sich diese Art der nahezu schwerelosen Fortbewegung. Es sollte sich als der unbestrittene Höhepunkt dieser Reise herausstellen, im wahrsten Wortsinn. Ich lernte, dass man auch als Zumutung Spaß haben konnte.

5. Tag
Morgens um 6.30 Uhr legten wir in Puntarenas an, Frau C. weilte noch im Pool. Den Tagesausflug unternahmen wir zu dritt, ein Schauspielerfreund kam mit zum Jaco Beach, etwa 80 Kilometer südlich der Stadt. Unterwegs fütterte Frau C. einen Affen mit Bananen, und wir beobachteten von einer stark befahrenen Brücke aus Krokodile in einem schlammigen Flussbett.
Bereits jetzt wurde deutlich, dass diese Reise nicht dazu taugte, eine kriselnde Beziehung zu therapieren. Rückblickend hatten wohl weder Frau C. noch ich selbst ein echtes Interesse daran. Andernfalls wären Stunden oder wenigstens Minuten der Zweisamkeit notwendig gewesen. So aber verbrachte Frau C. ihre Zeit mit den Schauspielerfreunden oder in Morpheus‘ Armen, mein Nachmittag konzentrierte sich auf mein Selbstmitleid und die Bar am hinteren Ende des Schiffs, die „Alter Fritz“ hieß. Dort wurden ausgesprochen wohlschmeckende Bouletten und Bier gereicht. Außerdem konnte ich dort rauchen, ohne deswegen von Frau C. beschimpft zu werden. So ließ ich den wahrhaft spektakulären Sonnenuntergang einigermaßen gnädig über mich ergehen.

6. Tag
Der Valentinstag begann mit einer geradezu irrwitzigen Diskussion zwischen Frau C. und mir, wem es wohl schlechter ginge in diesem Leben. Dennoch kauften wir uns gegenseitig Geschenke, ich erhielt ein Hemd und einen Duft, sie eine weiße Designer-Armbanduhr, später besuchten wir gemeinsam den Tanzkursus. Kurzfristig gab ich mich der Hoffnung auf die handfesteren Freuden der Liebe hin, doch Frau C. signalisierte eindeutige Ablehnung. Was insofern irritierend war, da Frau C. zuhause den stressigen Alltag als Begründung für Unlust anführte, ich also davon ausging, dass eventuell auf dieser Reise … eine falsche Annahme.

7. Tag
Puerto Quetzal, Guatemala. Wir nahmen nicht am Landgang teil, sondern stellten uns vormittags als Komparsen für die Dreharbeiten zur Verfügung. Den Nachmittag verbrachte Frau C. auf dem Sonnendeck und ich im „Alten Fritz“. Abends bereitete auf der Showbühne eine bekannte TV-Köchin Topfenknödel und Bananeneisknödel mit Zwetschgenröster zu. Die Passagiere – darunter auch die Schönheitschirurgin und der Steuerberater – waren durchaus angetan, viele hatten es aber wegen das Landgangs nicht rechtzeitig geschafft.

8. Tag
Auf See. Frau C. verwickelte mich in eine völlig überflüssige Diskussion über ein beruflich anstehendes Konzept, welches sie nach der Rückkehr in Deutschland verwirklichen sollte. Überflüssig deshalb, weil Frau C. keinen Gesprächspartner wollte, sondern lediglich Publikum. Nachmittags ruhte Frau C., und ich besuchte den Tanzkursus alleine, sehr zur Freude einer alleinreisenden redseligen älteren Dame, die zu den Stammgästen des „Traumschiffs“ zählte, auch wenn sie noch nie als Komparsin gedient hatte, wie sie mehrfach betonte. Unabsichtlich trat ich ihr mehrfach auf die Füße, wenn auch nur leicht.

9. Tag
Das Traumschiff machte in Acapulco fest. Frau C. beschloss, es wäre jetzt Zeit für eine Runde Golf auf dem Platz des Fairmont Princess Hotels. Ich machte gute Mine zum schönen Spiel auf einfachen Bahnen unter Palmen und aß anschließend einen höchst erfreulichen Kobe-Beef-Burger im Clubhaus.
Ich kannte Acapulco von einer Reise, die ich Mitte der Neunzigerjahre als Reporter unternommen hatte, und war fassungslos, als ich am Nachmittag durch die Straßen fuhr. Der einst so glamouröse Ort hatte jeglichen Glanz verloren, die Gebäude hatten sich einem armseligen Siechtum ergeben (müssen), nirgends wurde gebaut oder renoviert, auf den Straßen herrschte pure Lethargie.
Als wir nach Einbruch der barmherzigen Dunkelheit oben am Berghang im legendären Hotel „Las Brisas“ mit zwei Passagieren, die wir tatsächlich kennengelernt hatten (nein, nicht die Schönheitschirurgin und der Steuerberater), zum Dinner Platz nahmen, funkelten die Lichter wie einst, der Zauber dieses so magischen Platzes begann sich wieder zu entfalten, was durchaus auch an dem fetten mexikanischen Chardonnay gelegen haben mochte.

10. Tag
Auf See. Ich verstand erstmals, was sich hinter dem Begriff Schiffskoller verbarg. Das Gefühl der Unausweichlichkeit, des  Ausgeliefertseins, der völligen inneren Starre. Ich saß fest. Im „Alten Fritz“ beschloss ich bei Bouletten, Bier und Zigaretten, nie wieder einen Fuß auf ein Kreuzfahrtschiff zu setzen. Die Schönheitschirurgin und den Steuerberater sah ich an diesem Tag nicht.

11. Tag
In Manzanillo spielten Frau C. und ich zusammen mit der Schönheitschirurgin und dem Steuerberater eine Runde Golf. Für mein Leistungsvermögen war der Platz eindeutig zu schwer. Aber es sollte noch schlimmer kommen.

12. Tag
Frau C. hatte eine Freundin, die die Wintermonate immer in ihrem Haus in Puerto Vallarta verbrachte. Da das Traumschiff ausgerechnet dort anlegte, besuchten wir sie selbstverständlich. Ein seltsames Gebäude, schmal und fünf Stockwerke hoch, ein paar Kilometer von der Küste entfernt an einem Hang gebaut. Es war mit Antiquitäten eingerichtet und besaß eine Etage, die über eine Lounge, eine Bar, eine Küche und einen Pool verfügte. Die Freundin vermietete die restlichen Stockwerke an Touristen, eines jedoch war für etwa 20 Katzen reserviert, die dort lebten. Auf der Pool-Etage trafen wir auf eine Gruppe schwuler Amerikaner, die dort eine Lunchparty feierte. Sehr zu meiner Freude gab es riesige köstliche Margaritas, die von einheimischen Köchinnen zubereiteten Fajitas waren köstlich und die Schwulen amüsant, interessiert, gebildet und vorurteilslos.
Nachmittags unternahmen wir mit Frau C.’s Freundin einen Ausflug zu deren Freunde, darunter einen verheirateten, aber in Trennung lebenden schwulen Anwalt, der mittlerweile mit einem mexikanischen Nachwuchstenor liiert war und eine Villa am Meer besaß, die er wohl auch vermietete. Anders war das Schild „Exit“ im Masterbedroom nicht zu erklären, ohne das man sich in dem gwaltigen verwinkelten Raum sicher verlaufen hätte. Zudem war dieser Anwalt ein Vogelfreund, hielt sich einen kleinen Zoo plus eine Mäusezucht als Nahrung für die Eulen.
Wir besuchten noch weitere Freunde der Freundin, ein nordamerikanisches Ehepaar im fortgeschrittenen Rentenalter mit grandioser Villa am Meer und wiederum ausgezeichneten Margaritas. Ich erfuhr, dass die Lady des Hauses in ihrer Altersklasse die beste Golfspielerin in Los Angeles war.
Abends auf dem Traumschiff gab es eine Darbietung lustiger Lieder aus den Zwanzigerjahren mit Titeln wie „Unkontrollierbare Gelegenheitsbekanntschaft“ oder „Amalie und der Gummikavalier“, inklusive dazu passender Bademodenschau.

13. Tag
Faschingsdienstag in San Blas, einem Fischerdorf nördlich von Puerto Vallarta. Frau C. entschied, einen Tag am Strand zu verbringen. Nach dem Transport mit Tenderboot und Bus erreichten wir das Dorf, dessen Einwohner samt und sonders aus dem Häuschen waren ob der Tatsache, dass nach knapp 30 Jahren endlich wieder einmal ein Kreuzfahrtschiff mit zahlungskräftigen Passagieren zu Besuch kam. Das Ereignis war bis ins Detail geplant worden, Autos wurden umgeparkt, damit die Busse die Gassen passieren konnten, folkloristische Musikgruppen spielten auf, fliegende Händlerinnen und Händler hatten den Strand bereits besetzt. Frau C. kaufte für 50 Dollar drei Handtaschen. Die Schönheitschirurgin und den Steuerberater sahen wir nicht.
Auf dem Schiff war dann um 18 Uhr Drehschluss und wir stachen in See Richtung Cabo San Lucas, jenem legendären Ferienort der Reichen und Schönen an der Südspitze der gewaltigen Wüstenlandzunge Baja California.

14. Tag
Aschermittwoch auf See. Ich verdingte mich unentgeltlich als Statist und empfand mich auch so, irgendwie.

15. Tag
In Cabo San Lucas gab es einen der schönsten und schwierigsten Golfplätze des Landes. Frau C. ließ sich das nicht entgehen, wir spielten zusammen mit der Schönheitschirurgin und dem Steuerberater sowie diversen anderen golfbegeisterten Passagieren. Aus der Runde wurde ein Wettbewerb, den Frau C. gewann.
Abends ertränkte ich mein persönliches Golf-Desaster während der Poolparty, deren Schrecken sich alsbald im gnädigen Dunst des Alkohols auflösten.

16. Tag
Wieder ein Tag auf See. Ich sah Wale und Delfine in der Ferne. Abends hatten wir ein festliches Dinner mit den Schauspielerfreunden und der Schönheitschirurgin und dem Steuerberater, die untereinander inzwischen einen äußerst vertrauten Umgang pflegten.

17. Tag
Loreto war die letzte Station der Reise. Ein durchaus pittoreskes Touristendorf mit vielen bunten Läden und Boutiquen. Frau C. kaufte einen Spiegel.

18. Tag
Um exakt 14.45 Uhr Ortszeit verließ ich erleichtert, ja geradezu beschwingt das Traumschiff und stieg in den Bus, der uns zum Flughafen Cabo San Lucas brachte. Ich stellte fest, dass ich noch genügend Schlaftabletten für den Rückflug übrig hatte.

Epilog
Frau C. ist längst anderweitig liiert und sehr glücklich. Der Steuerberater machte ein Jahr nach der Kreuzfahrt der Schönheitschirurgin einen Heiratsantrag.

 

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