Alle Artikel von Michael Tempel

Klamm heimlich? Von wegen!

Wie naiv muss man sein, um am Himmelfahrtstag einen Besuch in der Breitachklamm zu wagen? Denn auf diese Idee kommen an solchen Tagen eigentlich alle. Das ist dann nicht mehr wirklich lustig. Weil die von unten aus dem Oberstdorfer Ortsteil Tiefenbach denen denen von oben aus dem Kleinwalsertal auf dem zweieinhalb Kilometer langen schmalen Steig begegnen.

Da muss man echt aufpassen, dass man sich nicht auf die Füße steigt. Schließlich bleiben die Menschen ja zwischendurch stehen und machen Fotos. Dann kommt es zu einem Stau.

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Hakuna Matata in Rom

Willkommen in Rom!

Irgendwie hat das schon Vorteile, wenn man so durch die TV-Kanäle zappt. Anders kann ich mir das nicht erklären, dass ich ansatzweise kapiert habe, was der Afrikaner meinte, als er meine Tochter und mich in Rom anquatschte. Wir waren gerade angekommen, hatten die Taschen im Hotel abgegeben und waren bei einbrechender Dunkelheit auf dem Weg zum Kolosseum. Weil meine Tochter nach drei Jahren Latein in den Herbstferien endlich mal live sehen wollte, was Sache ist.

„Hey brother“, sagte der Typ, „hakuna matata“, und wir begrüßen uns mit dem Sportlermännerhandschlag, als ob wir zwei Kumpels wären, die sich länger nicht gesehen haben, „hakuna matata. You both look great. You from Germany?!“

Mir war nicht klar, dass man das so deutlich erkennen konnte.

„Hakuna matata. I love Germans. Mein Bruder in Wolfsburg.“

Aha. Ich antwortete mit einem freundlichen „Hakuna Matata“, wie ich das aus dem König der Löwen, Teil 3 kannte. Wir unterhielten uns noch über die Anzahl der Frauen, mit denen jeder von uns lebte und logen uns gegenseitig etwas vor, woraufhin uns der Senegalese zwei Armbänder und einen kleinen geschnitzten Elefanten („for a long life“) schenkte, wobei er ständig beteuerte, dies wäre ihm eine Herzensangelegenheit und er wollte kein Geld dafür. Aber wenn ich ihm eine Spende für seine kranke Tochter geben würde, wäre das toll.

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Paartherapie Traumschiff

Wer es 18 Tage auf einem Kreuzfahrtschiff aushält, den schreckt nichts mehr im Leben und der braucht auch keine Beziehung mehr. Tagebuch einer Reise inklusive „Traumschiff“-Dreharbeiten auf der guten alten „MS Deutschland“ von Ecuador nach Mexiko.

Es war eine Reise unter erschwerten Bedingungen im Februar 2012. Frau C. und ich, beide bereits weit jenseits der 50, befanden uns im vierten Jahr einer Beziehung, die nach einem furiosen Beginn inzwischen geprägt war von ihrem Dasein auf der Überholspur und meinem immer öfter stotternden Motor, der nicht mehr so richtig  auf Touren kommen wollte. Knapp drei Wochen Kreuzfahrt sollten Gleichklang bringen. Was für ein Irrtum.

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Alles Stumphsinn!

Für mich hieß der fröhliche Mann mit der Rotzbremse nicht Wolfgang Stumph, sondern Wilfried Stubbe. Eigentlich nur Stubbe. Typische Wessi-TV-Arroganz eben. Wäre ich ein Ossi, hätte ich „meinen“ Stumpi natürlich völlig anders wahrgenommen. Nun aber, beim Dinner der Davidoff Tour Gastronomique im Bayrischen Haus in Potsdam, lernt der Wessi sehr schnell, wes Geistes Kind der Stumph ist.

Da steht einer, völlig ungekünstelt – heute heißt das „authentisch“ – vor den Gästen und redet frei von der Leber weg (die hat Küchenchef Alexander Dressel nicht aufs Menü geschrieben, dafür Presskopf vom Westfälischen Landhuhn, geschmorte Quitten und Amalfi-Zitronen). Er bietet nicht irgendwelche Höflichkeiten, sondern Kabarett. Da geht es um „die neuen und die gebrauchten Bundesländer“, um die Gesundheitsreform, die er als „Schmidtgriff“ bezeichnet, und ums Fernsehen. Natürlich. Schließlich ist das sein Medium.

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Stumph&Dressel ©Davidoff

Obwohl er da manchmal Alpträume bekommt. „Man wacht auf und denkt, man wäre ein Bauer und sucht eine Frau. Oder die Dicke von RTL krempelt die Küche um.“ Der Mann hat 16 Jahre Kabarett-Erfahrung mit „Antrak auf Stumphsinn“ (mit Gunter Antrak und Detlef Rothe), gab mehr als 1.500 Gastspiele in ganz Deutschland. Als überzeugter Ossi war er denn über den Mauerfall auch besonders glücklich: „Endlich konnten auch Westdeutsche ungehindert in den Osten fahren!“

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„Wie die kleine Nutte in Pretty Woman…“

Chuzpe, so heißt es bei Wikipedia, ist eine Mischung aus zielgerichteter intelligenter Unverschämtheit, charmanter Penetranz und unwiderstehlicher Dreistigkeit. Else Buschheuers jüngst erschienener autobiografischer Ratgeber „Verrückt bleiben!: Mein Leitfaden für freie Radikale“ ist mit viel Chuzpe geschrieben.

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Simone Thomalla ©Davidoff

Die Leipziger Schriftstellerin und Moderatorin ist eine gute Freundin der ehemaligen Leipziger „Tatort“-Kommissarin Simone Thomalla, weshalb diese im Rahmen der Davidoff Tour Gastronomique in Berlin aus dem Werk las. Bei Zwei-Sterne-Koch Hendrik Otto im „Esszimmer“ des Hotels Adlon.

Dessen Menü begann klassisch mit einer Gänseleber (Bio-Ware von nicht gestopften Tieren) in einer schönen harmonischen Kombination mit Zwetschge, Perigord-Trüffel und einem 2010er Muskateller von Ökonomierat Rebholz aus der Pfalz. „Die Bio-Gänseleber“, so Otto, „ist zwar nur halb so groß wie bei gestopften Tieren, meiner Meinung nach von der Qualität her aber noch besser und geschmacklich mindestens genauso gut.“

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Friedrich von Thuns Sittengeschichte

Die erste Station der Davidoff Tour Gastronomique 2012 im Restaurant „Anna Amalia“ des Hotels Elephant in Weimar war unerwartet: Schauspieler Friedrich von Thun widerstand erfolgreich der doch nahe liegenden Versuchung, den hiesigen Klassiker-Vierklang Goethe, Schiller, Herder und Wieland in durchaus möglicher kulinarischer Interpretation zu bemühen.

Auch Küchenchef Marcello Fabbri ließ sich nicht zu literarischen Anklängen hinreißen, begann das Menü zwar klassisch, quasi als augenzwinkernde Aufmerksamkeit für Co-Gastgeber von Thun, mit einer deftig-saftigen Tafelspitz-Terrine auf Belugalinsen als Amuse Bouche. Offenbar wusste er, dass sich der Schauspieler im zweiten Teil seiner Lesung mit zwei österreichischen Autoren beschäftigen würde – falls nicht, war’s ein hübscher Zufall.

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Willkommen im Club!

Schuld an der ganzen Sache ist Roger Vadim, so viel steht fest.  Der Regisseur fuhr 1953 mit seinem Jeep zufällig an der Hütte der Colmonts nahe dem Dorf St. Tropez vorbei. Und fand einen Platz, an dem sein Filmteam etwas zu essen bekam. Sie erinnern sich? „Und ewig lockt das Weib“. Brigitte Bardot am Strand. Skandal! „Le Club 55“ öffnete 1955 – und ist Legende..

Zu essen bekommt man bei Patrice de Colmont immer noch was, wie damals, als die Mama B.B., Curd Jürgens, Jean-Louis Trintignant & Co. bekochte. Unter den weißen Sonnensegeln sitzt an einfachen weißen Holztischen alles, was in dieser Welt reich, prominent, schön und bedeutend ist oder sich dafür hält. Man darf seine wahre Bedeutung allerdings daran ablesen, wenn man in der Hochsaison im August am Vormittag im „Cinquantecinq“ anruft und für mittags noch einen Tisch will – und den auch bekommt. Wie der Münchner Künstler Stefan Szczesny, der seit zehn Jahren in St. Tropez lebt und Patrice natürlich gut kennt. Patrice wiederum kennt sie alle, von Charles Aznavour bis Bruce Willis, von der Bardot bis zu Catherine Deneuve.

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Die kann auch singen!

Davidoff Tour Gastronomique 17.08.2013 Patrick Bittner & Katharina Wackernagel Gourmet-Restaurant Francais im Steigenberger Frankfurter Hof Katharina Wackernagel bei der Lesung
Katharina Wackernagel ©Davidoff

Das war schon sehr speziell, was die Schauspielerin Katharina Wackernagel in Frankfurt zusammen mit drei Mitgliedern der Ska-Band „The Busters“ im Rahmen der Davidoff Tour Gastronomique ablieferte. Im Restaurant „Français“ im Frankfurter Hof servierte Sternekoch und Triathlet Patrick Bittner eine faszinierende Kombination aus Elsässer Gänseleber, grünem Spargel, Mandeln und Holundereis, dazu gab’s klassisch einen süßen Monbazillac 2005 von Château le Thibaut. Und weil Erbse offenbar momentan ein Trend ist, durfte sie beim bretonischen Hummer mit Schweinebauch und Cassis nicht fehlen. Der elegante mineralische 2011er Sauvignon Blanc von Elena Walch aus Südtirol hatte da ein wenig Mühe, sich zu behaupten.

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Tidof, Twain und Rotwein zum Fisch

Das“, sagte die Sommelière in resolutem Ton zu dem Gast, „geht gar nicht!“ Hatte jener doch die Unverfrorenheit besessen, zum Thunfisch (mariniert und gebraten, mit Teriyakisauce, Gourkenmousse sowie Bergamotteschaum – eine treffliche Kombination) nicht den auf Holger Bodendorfs Menükarte vorgesehenen 2012er Riesling Spätlese „Sex, Drugs & Rock ’n’ Roll“ vom Weingut Emil Bauer aus der Pfalz zu akzeptieren. Nein, der Steuerberater wollte gleich den 2006er Château La Garenne aus dem Bordelais, der erst für den Fleischgang vorgesehen war. Rotwein zum Fisch? Warum nicht, des Gastes Geschmack ist schließlich sein Himmelreich. Nicht so im „Bodendorfs“ im Landhaus Stricker auf Sylt während der vorletzten Station der Davidoff Tour Gastronomique 2013.

Der Bordeaux würde den Thunfisch geradezu niedermachen, hieß es, während der Riesling mit seiner schönen Frucht und der fein eingebundenen Säure dessen Eigengeschmack noch unterstütze. Da der Gast, wie sich nach der Jakobsmuschel mit Topinambur (plus Haselnuss und Lardo – ebenfalls delikat) herausstellen sollte, viel für Rock ’n’ Roll übrig hat, ließ er sich überreden, mochte sich dann aber doch der Auffassung der Expertin nicht anschließen. Immerhin, er hat es versucht.

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Wenn der Nemec den Jandl macht

Wenn einer wie Miroslav Nemec  gefühlte 50 Jahre den Münchner Tatort-Kommissar Ivo Batic spielte, dann erwartete man bei einem Abend der Davidoff Tour Gastronomique im Restaurant „Maitre“ des Landhaus Kuckuck in Köln-Müngersdorf allenfalls eine literarische Kostprobe in Sachen Mord oder ähnlich Verbrecherisches. Wer den gebürtigen Kroaten allerdings kennt, der weiß, dass er erstens ein ausgezeichneter Musiker und Sänger und zweitens ein tiefgründiger Kabarettist ist.

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Schäfer&Nemec ©Davidoff

Davon freilich ahnten die meisten Gäste nichts, als Sterne-Koch Erhard Schäfer Bretonische Hummer mit dreierlei Blumenkohl, Salatherzen und Anapurna-Curry, der eine wunderbare Schärfe im Nachklang hat, servierte – zusammen mit einem fruchtigen 2009er Chardonnay von La Tunella aus dem Friaul.

Nemec ist das, was man auf gut bayrisch als – im positiven Sinne – hinterfotzig bezeichnet, denn mit Heinz Erhardts  „Kabeljau“ („Das Meer ist weit, das Meer ist blau, im Wasser schwimmt ein Kablejau“) oder der „Rache des Kanalarbeiters“ („Dunkel wars, der Mond schien fahl, da stieg ein Mann aus dem Kanal“) begann er geradezu harmlos. Quasi ein dramaturgisches Warm-up.

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