Kategorie-Archiv: Text-Tempel

Tageskarte: Der Tod

Mit dem Tod ist das so eine Sache, weil er für die meisten Menschen zumindest in unserem Kulturkreis oft noch ein Tabu-thema ist. Der Tod gehört nicht zum Alltag. Ob wohl er da längst angekommen ist, man muss ja bloß jeden Tag in die Zeitung oder das Newsportal schauen.

So gesehen begenet uns der Tod täglich, ist somit Alltag. Der Unterschied ist, dass uns die Menschen, die sterben, so lange nicht wirklich betreffen, so lange sie nicht zur Familie gehören oder Freunde sind. Dann wird das schon schiweriger, damit umzugehen.

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Tageskarte: Die Mäßigkeit

Leider ein entwas unglücklicher Name für diese Karte, lässt sie einen doch unwillkürlich denken, man schlage im Alltag grundsätzlich über die Stränge. Vor allem heute, nach all den Feiertagen, klingt das wie eine Diät-Empfehlung.

„Mäßige dich!“, sagt die Stimme im Kopf. „Du trinkst zuviel Rotwein! Und du bist zu dick!“ Sowas in der Art. Sie sagt nicht: „Hör endlich auf mit dem ständigen Grübeln! Mach dich nicht immer fertig!“

Ich bin ein Anhänger all derer, die diese Karte lieber „Die richtige Mischung“ nennen würden. Also Ausgewogenheit, Geduld und Vertrauen in den Mittelpunkt stellen. Die innere und äußere Harmonie, das erfüllte Leben. Weil wenn du gierig bist, wirst du niemals satt, wie man weiß.

Doch auch diese Interpretation ist riskant. Weil’s nämlich so leicht langweilig wird.

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Klamm heimlich? Von wegen!

Wie naiv muss man sein, um am Himmelfahrtstag einen Besuch in der Breitachklamm zu wagen? Denn auf diese Idee kommen an solchen Tagen eigentlich alle. Das ist dann nicht mehr wirklich lustig. Weil die von unten aus dem Oberstdorfer Ortsteil Tiefenbach denen denen von oben aus dem Kleinwalsertal auf dem zweieinhalb Kilometer langen schmalen Steig begegnen.

Da muss man echt aufpassen, dass man sich nicht auf die Füße steigt. Schließlich bleiben die Menschen ja zwischendurch stehen und machen Fotos. Dann kommt es zu einem Stau.

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Hakuna Matata in Rom

Willkommen in Rom!

Irgendwie hat das schon Vorteile, wenn man so durch die TV-Kanäle zappt. Anders kann ich mir das nicht erklären, dass ich ansatzweise kapiert habe, was der Afrikaner meinte, als er meine Tochter und mich in Rom anquatschte. Wir waren gerade angekommen, hatten die Taschen im Hotel abgegeben und waren bei einbrechender Dunkelheit auf dem Weg zum Kolosseum. Weil meine Tochter nach drei Jahren Latein in den Herbstferien endlich mal live sehen wollte, was Sache ist.

„Hey brother“, sagte der Typ, „hakuna matata“, und wir begrüßen uns mit dem Sportlermännerhandschlag, als ob wir zwei Kumpels wären, die sich länger nicht gesehen haben, „hakuna matata. You both look great. You from Germany?!“

Mir war nicht klar, dass man das so deutlich erkennen konnte.

„Hakuna matata. I love Germans. Mein Bruder in Wolfsburg.“

Aha. Ich antwortete mit einem freundlichen „Hakuna Matata“, wie ich das aus dem König der Löwen, Teil 3 kannte. Wir unterhielten uns noch über die Anzahl der Frauen, mit denen jeder von uns lebte und logen uns gegenseitig etwas vor, woraufhin uns der Senegalese zwei Armbänder und einen kleinen geschnitzten Elefanten („for a long life“) schenkte, wobei er ständig beteuerte, dies wäre ihm eine Herzensangelegenheit und er wollte kein Geld dafür. Aber wenn ich ihm eine Spende für seine kranke Tochter geben würde, wäre das toll.

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Auf dem Albtraumschiff

Wer es 18 Tage auf einem Kreuzfahrtschiff aushält, den schreckt nichts mehr im Leben und der braucht auch keine Beziehung mehr. Tagebuch einer Reise inklusive „Traumschiff“-Dreharbeiten auf der guten alten „MS Deutschland“ von Ecuador nach Mexiko.

Es war eine Reise unter erschwerten Bedingungen im Februar 2012. Frau C. und ich, beide bereits weit jenseits der 50, befanden uns im vierten Jahr einer Beziehung, die nach einem furiosen Beginn inzwischen geprägt war von ihrem Dasein auf der Überholspur und meinem immer öfter stotternden Motor, der nicht mehr so richtig  auf Touren kommen wollte. Knapp drei Wochen Kreuzfahrt sollten Gleichklang bringen. Was für ein Irrtum.

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Florida sehen und erben

Florida – das Gelobte Land! War es zumindest in den 1960er-Jahren, als viele Deutsche dazu verführt wurden, im Sunshine-State ein Grundstück mit großartigen Gewinnaussichten zu kaufen. Mein Vater war einer von ihnen. Und ich muss das jetzt ausbaden.

PalProsA2Als mein Vater Anfang dieses Jahrtausend in die ewigen Jagdgründe aufbrach, fanden sich in seinen demenzchaotischen Unterlagen auch Papiere, aus denen hervorging, dass er bereits Ende der 1980er-Jahre meiner Schwester und mir ein Grundstück in Florida überschrieben hatte. In einem Ort namens Interlachen, inmitten einer gar wunderbaren Seenlandschaft gelegen. 10.000 Quadratmeter groß. Wow! Was für eine Perspektive! Ich sah alles schon vor mir – mein Haus, mein Boot, mein Pick-up, meine Zukunft!

Bevor er als 75-Jähriger dem allmählichen Vergessen anheim fiel, war mein Vater ein akribischer Unterlagenabhefter und dazu noch ein Geheimniskrämer, was dazu führte, dass ich ihn nicht mehr fragen konnte, was es denn mit diesem Grundstück auf sich hatte. Immerhing gab es noch Prospekte und Urkunden.
Eines Tages fand ich in meinem Briefkasten eine Nachricht aus den USA, dass für das Land Steuern zu bezahlen wären, immerhin ein paar hundert Dollar. Wenn es ums Geld geht, zerplatzen Träume.

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Und plötzlich ist das Kind da

Den Text habe ich vor etwa 13 Jahren geschrieben, als unsere Tochter Hannah auf die Welt kam. Und ich war nicht im mindesten auf das gefasst, was da auf mich zukommen sollte.

Der Schlag kommt ansatzlos, er trifft dich völlig unvorbereitet. Immer. Egal wo. Vielleicht beim Bummel durch die Stadt, wenn dich deine Freundin beiläufig fragt: „Schatz, da drüben ist eine Apotheke, könntest du mir rasch einen Schwangerschaftstest besorgen?“

Der akute Schwindelanfall muss dir nicht peinlich sein. Schließlich habt ihr über das Thema Kinderkriegen bereits geredet und akzeptiert, dass ihr euren Beitrag leisten wollt, damit die Deutschen nicht aussterben. Trotzdem: Wenn der positive Fall eintritt, ist es nicht mehr nur theoretische Diskussion, sondern Wirklichkeit. Und deine Welt, wie du sie bisher kanntest, ändert sich. Schlagartig eben. Durch deinen Kopf rasen Blitzlichter wie Kann-ich-mit-dieser-Verantwortung-umgehen, Geht-das-denn-überhaupt, Können-wir-uns-das-denn-leisten, Wird-es-ein-Junge-oder-ein-Mädchen, Mannomann-wir-werden-eine-kleine-Familie-sein, Was-mach-ich-denn-jetzt-bloss-als-erstes.

Was du jetzt machst? Pause. Hinsetzen. Ein Bier trinken oder zwei. Dich allmählich mit dem Gedanken anfreunden. Zusammen reden. Nicht tagelang im Internet surfen und Risiken bei der Geburt checken. Du wirst Vater. Deine Freundin wird Mutter. Ihr bekommt ein Kind. Ihr habt keine Ahnung, was das bedeutet. Aber ihr werdet euer Bestes geben. Andere haben das schließlich auch geschafft. Und falls es dir noch nicht klar war: Du wirst jetzt erwachsen.

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Was für ein Theater!

Das Stück „Fast perfekt“ der kanadischen Autorin Nicole Moeller traf mich völlig unvorbereitet. Keine Ahnung, dass die Inspiration dazu der Fall Natascha Kampusch war. Ein zwölfjähriges Mädchen verschwindet, taucht nach sechs Jahren wieder auf, die Medien stürzen sich auf sie, aber sie sagt kein Wort. Zunächst. Was auf der Bühne des Teamtheaters Tankstelle in der Münchner Innenstadt abging, war ein beeindruckend intelligentes Lehrstück über hörige Abhängigkeiten, journalistische Sensationsgier, Sehnsucht nach Liebe und Freiheit und die Unfähigkeit, damit umzugehen.

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Foto: Aylin Kalp

Stefan Maaß als narzistischer Journalist Greg, Sascha Maaz als sozialdeformierter Entführer Matthew und vor allem Elisabeth Grünebach als das Opfer Chloe arbeiteten ihre Persönlichkeiten mit großer Detailsicherheit,  Sensibilität und geradezu grandioser Aggression heraus. Die tatsächliche Faszination lag aber in der Gleichzeitigkeit von Vergangenheit und Gegenwart sowie in der Parallelität der Orte (Gregs Wohnung und Matthews Haus, reduziert vermittelt durch verschiebbare Fototapeten-Stellwände), die in komplexen Kreuzdialogen unfassbar dicht und fordernd die Zuschauer fesselt.

Apropos Zuschauer: Es war gerade mal ein gutes Dutzend, das an diesem Tag das Geschehen auf der Bühne verfolgte (Regie: Dieter Nelle, Dramaturgie/Produktionsleitung: Petra Maria Grühn). Als Schauspieler musste das deprimierend sein. Umso höher war die Leistung zu bewerten. Und es lässt durchaus Rückschlüsse zu auf eine massenmedial geprägte Gesellschaft, der das Bedürfnis nach intelligenter Unterhaltung wohl allmählich abhanden kommt.

Hüttentour in Alta Badia

 Der 5. August 2008 war für Irene Pedratscher mindestens ein ebenso besonderer Tag wie für den Rest der Bewohner von Alta Badia. An jenem Tag nämlich unternahm Papst Benedikt XVI. von seiner Sommerresidenz in Brixen aus eine Pilgerfahrt in das Südtiroler Hochtal, in das kleine Dorf Oies. Dort steht das Geburtshaus des Heiligen Josef Freinademetz, der der Schutzheilige des gesamten Tals ist und Missionar in China war. Sein Bildnis prangt als gewaltiges Plakat an der Kirche in Oies und wüsste man nicht, dass es sich um einen Südtiroler Priester handelt, man könnte glauben, er wäre mit seinem hageren Gesicht und dem langen Kinnbart ein Einwanderer. Irene Pedratscher jedenfalls stand an diesem Tag ebenso wie alle anderen Gläubigen und Pilgern auf der Straße, und es gibt ein Foto, auf dem der Papst ihr die Hand reicht. Dieses Foto, und jetzt nähern wir uns dem eigentlichen Thema, zeigt die Hüttenwirtin gern allen ihren Gästen. Die ihre Ski am Rand der Piste abgeschnallt haben und mit dem Pferdeschlitten gekommen sind, um bei ihr Mittag zu essen.

†tia (HŸtte) Oies - Alla Tana dellÕOrsoIrenes „Ütia Oies – Alla Tana dell’ Orso“, und jetzt sind wir beim Thema, ist eine von acht Hütten, die der Skifahrer im Rahmen der zu Beginn dieser Saison geschaffenen „Skitour Gourmet Santa Croce“ besuchen kann. In sämtlichen beteiligten Hütten kommen typische ladinische Gerichte auf den Tisch und schaffen so quasi ein Gegengewicht der Hausmannskost auf den Bergen zu der mit Michelin-Sternen ausgezeichneten Haute cuisine von Norbert Niederkofler („St. Hubertus“), Stefan Wieser („Siriola“) und Claudio Melis („La Stüa de Michil“) im Tal. Bei Irene, deren eine Stube etwa 500 Teddybären aus Plüsch zieren, während die andere von zahlreichen kleinen Hexen bevölkert ist, gibt es in der Saison Steinpilze vom Grill, der als so genannter „Tartarenhut“ auf dem Tisch steht. Und selbstverständlich auch mit allen Arten von Filet belegt werden kann. Wer den „Hexenteller“ bestellt, erhält übrigens neben ladinischen Spezialitäten auch eine kleine Hexenpuppe als Souvenir.

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„Der Erzbischof ist da“

Peter Sattmann bei der Davidoff Tour Gastronomique in Düsseldorf über die Angst des Schauspielers, auf der Theaterbühne zu spät oder zu früh zu kommen.

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Nein, mit dem Erzbischof ist nicht Jean-Claude Bourgueil, Sternekoch im Düsseldorfer „Schiffchen“ gemeint (obwohl er sich als solcher auf der Bühne bestimmt gut machen würde). „Der Erzbischof ist da“ ist der Titel eines Theaterstücks, das Schauspieler Peter Sattmann bereits vor etwa 30 Jahren geschrieben hat. An diesem Abend der Davidoff Tour Gastronomique trug er daraus vor – und obwohl es dabei um Leben und Tod ging, dürfte es einer der komischsten Abende seit Einführung der Tour 2008 gewesen sein.

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