Kategorie-Archiv: Text-Tempel

Klamm heimlich? Von wegen!

Wie naiv muss man sein, um am Himmelfahrtstag einen Besuch in der Breitachklamm zu wagen? Denn auf diese Idee kommen an solchen Tagen eigentlich alle. Das ist dann nicht mehr wirklich lustig. Weil die von unten aus dem Oberstdorfer Ortsteil Tiefenbach denen denen von oben aus dem Kleinwalsertal auf dem zweieinhalb Kilometer langen schmalen Steig begegnen.

Da muss man echt aufpassen, dass man sich nicht auf die Füße steigt. Schließlich bleiben die Menschen ja zwischendurch stehen und machen Fotos. Dann kommt es zu einem Stau.

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Hakuna Matata in Rom

Willkommen in Rom!

Irgendwie hat das schon Vorteile, wenn man so durch die TV-Kanäle zappt. Anders kann ich mir das nicht erklären, dass ich ansatzweise kapiert habe, was der Afrikaner meinte, als er meine Tochter und mich in Rom anquatschte. Wir waren gerade angekommen, hatten die Taschen im Hotel abgegeben und waren bei einbrechender Dunkelheit auf dem Weg zum Kolosseum. Weil meine Tochter nach drei Jahren Latein in den Herbstferien endlich mal live sehen wollte, was Sache ist.

„Hey brother“, sagte der Typ, „hakuna matata“, und wir begrüßen uns mit dem Sportlermännerhandschlag, als ob wir zwei Kumpels wären, die sich länger nicht gesehen haben, „hakuna matata. You both look great. You from Germany?!“

Mir war nicht klar, dass man das so deutlich erkennen konnte.

„Hakuna matata. I love Germans. Mein Bruder in Wolfsburg.“

Aha. Ich antwortete mit einem freundlichen „Hakuna Matata“, wie ich das aus dem König der Löwen, Teil 3 kannte. Wir unterhielten uns noch über die Anzahl der Frauen, mit denen jeder von uns lebte und logen uns gegenseitig etwas vor, woraufhin uns der Senegalese zwei Armbänder und einen kleinen geschnitzten Elefanten („for a long life“) schenkte, wobei er ständig beteuerte, dies wäre ihm eine Herzensangelegenheit und er wollte kein Geld dafür. Aber wenn ich ihm eine Spende für seine kranke Tochter geben würde, wäre das toll.

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Und plötzlich ist das Kind da

Den Text habe ich vor etwa 13 Jahren geschrieben, als unsere Tochter Hannah auf die Welt kam. Und ich war nicht im mindesten auf das gefasst, was da auf mich zukommen sollte.

Der Schlag kommt ansatzlos, er trifft dich völlig unvorbereitet. Immer. Egal wo. Vielleicht beim Bummel durch die Stadt, wenn dich deine Freundin beiläufig fragt: „Schatz, da drüben ist eine Apotheke, könntest du mir rasch einen Schwangerschaftstest besorgen?“

Der akute Schwindelanfall muss dir nicht peinlich sein. Schließlich habt ihr über das Thema Kinderkriegen bereits geredet und akzeptiert, dass ihr euren Beitrag leisten wollt, damit die Deutschen nicht aussterben. Trotzdem: Wenn der positive Fall eintritt, ist es nicht mehr nur theoretische Diskussion, sondern Wirklichkeit. Und deine Welt, wie du sie bisher kanntest, ändert sich. Schlagartig eben. Durch deinen Kopf rasen Blitzlichter wie Kann-ich-mit-dieser-Verantwortung-umgehen, Geht-das-denn-überhaupt, Können-wir-uns-das-denn-leisten, Wird-es-ein-Junge-oder-ein-Mädchen, Mannomann-wir-werden-eine-kleine-Familie-sein, Was-mach-ich-denn-jetzt-bloss-als-erstes.

Was du jetzt machst? Pause. Hinsetzen. Ein Bier trinken oder zwei. Dich allmählich mit dem Gedanken anfreunden. Zusammen reden. Nicht tagelang im Internet surfen und Risiken bei der Geburt checken. Du wirst Vater. Deine Freundin wird Mutter. Ihr bekommt ein Kind. Ihr habt keine Ahnung, was das bedeutet. Aber ihr werdet euer Bestes geben. Andere haben das schließlich auch geschafft. Und falls es dir noch nicht klar war: Du wirst jetzt erwachsen.

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Was für ein Theater!

Das Stück „Fast perfekt“ der kanadischen Autorin Nicole Moeller traf mich völlig unvorbereitet. Keine Ahnung, dass die Inspiration dazu der Fall Natascha Kampusch war. Ein zwölfjähriges Mädchen verschwindet, taucht nach sechs Jahren wieder auf, die Medien stürzen sich auf sie, aber sie sagt kein Wort. Zunächst. Was auf der Bühne des Teamtheaters Tankstelle in der Münchner Innenstadt abging, war ein beeindruckend intelligentes Lehrstück über hörige Abhängigkeiten, journalistische Sensationsgier, Sehnsucht nach Liebe und Freiheit und die Unfähigkeit, damit umzugehen.

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Foto: Aylin Kalp

Stefan Maaß als narzistischer Journalist Greg, Sascha Maaz als sozialdeformierter Entführer Matthew und vor allem Elisabeth Grünebach als das Opfer Chloe arbeiteten ihre Persönlichkeiten mit großer Detailsicherheit,  Sensibilität und geradezu grandioser Aggression heraus. Die tatsächliche Faszination lag aber in der Gleichzeitigkeit von Vergangenheit und Gegenwart sowie in der Parallelität der Orte (Gregs Wohnung und Matthews Haus, reduziert vermittelt durch verschiebbare Fototapeten-Stellwände), die in komplexen Kreuzdialogen unfassbar dicht und fordernd die Zuschauer fesselt.

Apropos Zuschauer: Es war gerade mal ein gutes Dutzend, das an diesem Tag das Geschehen auf der Bühne verfolgte (Regie: Dieter Nelle, Dramaturgie/Produktionsleitung: Petra Maria Grühn). Als Schauspieler musste das deprimierend sein. Umso höher war die Leistung zu bewerten. Und es lässt durchaus Rückschlüsse zu auf eine massenmedial geprägte Gesellschaft, der das Bedürfnis nach intelligenter Unterhaltung wohl allmählich abhanden kommt.

Der kleine Lord

Als die Welt noch okay war, raste Jerry Cotton in seinem Jaguar E-Type Manhattans West Side Highway rauf und runter, in London fläzte sich Lord Schnösel im S-Type und die Hamburger Goldkettchen-Gang ließ im XJ12 den Arm mit der Rolex aus dem Fenster hängen, auch wenn’s regnete. Entweder du warst was besonderes oder du hattest eben Geld, um mit der Katze den Asphalt zu streicheln. Und jetzt das: Jaguars Jüngster, der Schluss macht mit elitären Traditionen, der Jaguar für Jedermann. Der wahrscheinlich deswegen X-Type heißt, weil jeder X-beliebige damit fahren soll.

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Es war einmal in Zimbabwe

Hwange Nationalpark, Zimbabwe, morgens um halb sieben. 1995 ist die Welt noch in Ordnung an diesem Dienstag im Mai eine halbe Stunde nach Sonnenaufgang, auch wenn es nahe Null Grad Celsius kalt ist. Das scharfe Klicken der Patrone, die in den Gewehrlauf gleitet, ist das einzige Geräusch. Spike lädt seelenruhig durch. „Für alle Fälle“, grinst er und mustert die Greenhorns, die er durch den Busch führen soll. Zu Fuß. „Wenn ein Tier auf dich zu kommt“, sagt er, „darfst du niemals weglaufen. Es ist auf jeden Fall schneller als du“. Es war einmal in Zimbabwe weiterlesen

Moderne Kunst in Las Vegas

Es muss mindestens zwölf Jahre her sein, als bei einem der Top-Kunsthändler in New York das Telefon klingelte. „Hören Sie mal“, sagte eine Männerstimme, „ich will ein paar Bilder kaufen…“

Pause.

„…ich möchte sie in meinem neuen Hotel in Las Vegas aufhängen.“

William Acquavella, dessen Büro gleich um die Ecke des Metropolitan Museum of Modern Art in Manhatten liegt, hatte derart Unwahrscheinliches bereits öfter gehört und zahlte mit gleicher Münze zurück: Moderne Kunst in Las Vegas weiterlesen

Gespräch mit Gott

Berserker Ralph „Sonny“ Barger, Big Boss der Hell’s Angels

Gott besitzt zwei Bodyguards und jede Menge Tätowierungen auf beiden Unterarmen. Allerdings ist er schon über Sechzig und die Tattoos sind nicht mehr so gut zu erkennen. Gott ist etwa 1,75 Meter groß, noch erstaunlich gut in Form und war mehr als 40 Jahre lang der Anführer der berüchtigten Motorradgang Hell’s Angels. Ralph Hubert „Sonny“ Barger junior ist für viele Mitglieder dieser eingeschworenen Bruderschaft bis heute ein Gott. Obwohl er jetzt nur noch reguläres Mitglied der Cave Creek Abteilung der Hell’s Angels in Arizona ist. Gespräch mit Gott weiterlesen

Nike auf Samothraki

Ende Mai hatte die Sonne bereits viel Kraft. Paul saß an seinem Lieblingsplatz im Schatten eines Olivenbaums oberhalb des antiken Theaters. Von dem waren zwar nur noch die Reste zweier marmorner Sitze übrig, doch von hier hatte er den erhabensten Blick auf die fünf weißen Säulen des Heiligtums, zwischen denen das klare dunkle Blau der nordöstlichen Ägäis durchschimmerte. Seit mehreren Jahren reiste Paul auf die Insel Samothraki, um seinen Jahresurlaub dort zu verbringen. Nike auf Samothraki weiterlesen