Feijoada auf der Leinwand

Feijoada ist ein brasilianisches Nationalgericht, ein Eintopf. Holger Stromberg, Koch der deutschen Nationalmannschaft, macht ihn mit Schweinebauch, Cabanos- und Merguez-Würsten, Grünkohl, Zwiebeln, schwarzen und grünen Bohnen, Tomaten und Orangen.

Für »seinen« Künstler, den Brasilianer Romero Britto, der 2013 seinen 50. Geburtstag feierte und aus diesem Anlass im November seine Ausstellung in München in der Galerie Mensing  Jedes Kind weiß schließlich, welche Wirkung Bohnen haben können … In Brasilien übrigens werden auch für dieses Gericht Ameisen als Gewürz eingesetzt. »Da freu ich mich jetzt schon«, schmunzelt Stromberg, »wenn ich dem Bastian Schweinsteiger statt Pfeffer Ameisen über sein Steak mahle.«

Dann wird der Chef des Münchner Restaurants »Kutchiin« ernst, schließlich geht es beim Kunstadventskalender in diesem Jahr um die Zukunft, das Projekt «fit-4-future» beschäftigt sich schließlich intensiv auch mit dem Thema Ernährung. Stromberg, dessen kürzlich erschienenes Buch den Titel »Iss einfach gut« trägt, weiß um die Problematik: »Die Lebensmittelbeschaffung wird sehr wichtig werden. Wir werden eine Riesenherausforderung haben, alle Menschen satt zu machen. Auf der einen Halbkugel unseres Planeten produzieren wir so viel, dass wir die Hälfte wegwerfen, auf der anderen Halbkugel gibt’s immer noch hungernde Kinder, das ist pervers. Die Frage wird sein, wie wir einerseits wieder Qualität auf den Teller bringen, andererseits aber genügend für alle haben. Es wird eine große Schere geben zwischen hochwertigen Lebensmitteln und industriell gefertigten und genmanipulierten Nahrungsmitteln.«

Szenenwechsel. Romero Britto zeigt Holger Stromberg (der die Feijoada inzwischen in der Galerie Mensing im Preysing-Palais in der Theatinerstraße deponiert hat) seine Ausstellung und erklärt ihm seine Bilder. »Meine Inspiration kommt von überall her, von allen Orten und Plätzen, wo ich bin, vom Fernsehen, aus Zeitungen und Büchern, von Freunden, jeden Tag, mal mehr, mal weniger.« Holger will wissen, wie die Bilder entstehen. Zuerst mache er eine Skizze, erläutert Britto, dann fülle er sie mit Farbe, am Schluss mache er die Konturen und überarbeite das Werk final.

Für das gemeinsame Kunstwerk lässt sich Romero Britto von Holger Strombergs Feijoada inspirieren. Der Eintopf schmeckt ihm auch kalt ganz ausgezeichnet, er hat Hunger, die Ausstellungseröffnung war anstrengend. Sein Pate müsse, so sagt er, unbedingt ein brasilianisches Restaurant in Deutschland eröffnen.

Feijoada und Brasilien sind jetzt Brittos Inspiration. Er skizziert mit einem schwarzen Filzstift Bohnen und Würste und einen Topf auf die Leinwand, gibt noch Orangenscheiben dazu. Holger fragt, ob auch Schweinsohren und -füße hineinkämen. »Klar«, sagt Britto, malt Schweinsfüße und Schweinsohren und einen Ringelschwanz. Der humorvolle Pop-Artist fügt noch einen kleinen Topf hinzu, aus dem Wasser in den großen fließt, die Komposition steht, grundsätzlich zumindest. Dann klinkt sich Britto aus dem gemeinsamen Kunstwerk aus, nascht noch ein bisschen Eintopf und beginnt mit dem Mixen zweier Caipirinhas. Holger soll inzwischen allein weitermachen. Was er auch tut. Zuerst malt er Zickzack unten am großen Topf herum, schreibt sicherheitshalber noch das Wort »heat« daneben, fügt eine Art Rakete an den oberen Rand des Bildes, füllt die Bohnen mit Grau und die Würste mit Orange aus. Derweilen schnippelt Romero Limetten und zerdrückt sie mit einem Stößel zusammen mit Eiswürfel in zwei Gläser, gießt mit Cachaca auf.

Schließlich sind die Drinks ebenso fertig wie Holger, und Romero betrachtet nun endlich das, was der Chefkoch der deutschen Fußballnationalmannschaft auf der Leinwand angerichtet hat. Er betrachtet das Werk lange. »Um ehrlich zu sein«, sagt er schließlich, »du solltest lieber beim Kochen bleiben.«

Aber noch ist nichts verloren, der weltberühmte Pop-Art-Künstler greift souverän ein. »Es fehlt die Leidenschaft«, sagt er und zeichnet überall seine typischen Herzen in die noch weißen Flächen. Und Fußbälle. Und eine brasilianische Flagge. Ein Hufeisen. Sterne. Und viele Striche und kleine Kreise. Nach und nach nimmt das Bild tatsächlich Gestalt an. Jetzt noch Farbe. Die Herzen werden blau, rot, orange, grün.

Was dann passiert, ist selbst für Romero Britto ungewöhnlich. Weil es sich um einen Eintopf handelt, könne die Feijoada auch ins Bild, meint der Künstler. Er gibt einen Klecks auf die Leinwand, verreibt ihn mit der Hand – und siehe da, das Bild bekommt eine neue Dimension. »Das ist das erste Mal, dass ich so etwas mache.« Brittos Augen funkeln vor Vergnügen. »Ein Bild, das auch noch Geschmack hat und einen Duft! Das ist einzigartig auf der ganzen Welt!«

Darauf stoßen die beiden Künstler mit Caipirinha an. »Vielleicht auch noch etwas davon auf das Bild?« Britto grinst. »Klar, die Limetten.« Gesagt, getan – beide reiben vorsichtig Limettensaft auf das Bild. »Das ist unglaublich«, sagt Romero und betrachtet das Kunstwerk, »damit hätte ich niemals gerechnet. Das ist viel besser geworden als ich dachte.«

Holger Stromberg interpretiert das gemeinsame Werk (es trägt den Titel »Gisele«, nach dem brasilianischen Topmodel Gisele Bündchen, die auch in ihrem Heimatland mindestens so bekannt ist wie das Nationalgericht) auf seine Weise: »Man muss ja auch als Koch ein Bild malen können, und zwar auf dem Teller.« Er deutet auf »Gisèle«. »Das hier ist ein sehr schöner bunter Kräuter-Blüten-Salat mit einem dünnen Schwertfisch-Carpaccio und einer sehr feinen Orangenvinaigrette, leichte Sommerküche, das Gegenteil von Faijoada. Das werde ich den deutschen Spielern kochen.« Und die werden dann 2014 in Brasilien Weltmeister, logisch.