Hüttentour in Alta Badia

 Der 5. August 2008 war für Irene Pedratscher mindestens ein ebenso besonderer Tag wie für den Rest der Bewohner von Alta Badia. An jenem Tag nämlich unternahm Papst Benedikt XVI. von seiner Sommerresidenz in Brixen aus eine Pilgerfahrt in das Südtiroler Hochtal, in das kleine Dorf Oies. Dort steht das Geburtshaus des Heiligen Josef Freinademetz, der der Schutzheilige des gesamten Tals ist und Missionar in China war. Sein Bildnis prangt als gewaltiges Plakat an der Kirche in Oies und wüsste man nicht, dass es sich um einen Südtiroler Priester handelt, man könnte glauben, er wäre mit seinem hageren Gesicht und dem langen Kinnbart ein Einwanderer. Irene Pedratscher jedenfalls stand an diesem Tag ebenso wie alle anderen Gläubigen und Pilgern auf der Straße, und es gibt ein Foto, auf dem der Papst ihr die Hand reicht. Dieses Foto, und jetzt nähern wir uns dem eigentlichen Thema, zeigt die Hüttenwirtin gern allen ihren Gästen. Die ihre Ski am Rand der Piste abgeschnallt haben und mit dem Pferdeschlitten gekommen sind, um bei ihr Mittag zu essen.

†tia (HŸtte) Oies - Alla Tana dellÕOrsoIrenes „Ütia Oies – Alla Tana dell’ Orso“, und jetzt sind wir beim Thema, ist eine von acht Hütten, die der Skifahrer im Rahmen der zu Beginn dieser Saison geschaffenen „Skitour Gourmet Santa Croce“ besuchen kann. In sämtlichen beteiligten Hütten kommen typische ladinische Gerichte auf den Tisch und schaffen so quasi ein Gegengewicht der Hausmannskost auf den Bergen zu der mit Michelin-Sternen ausgezeichneten Haute cuisine von Norbert Niederkofler („St. Hubertus“), Stefan Wieser („Siriola“) und Claudio Melis („La Stüa de Michil“) im Tal. Bei Irene, deren eine Stube etwa 500 Teddybären aus Plüsch zieren, während die andere von zahlreichen kleinen Hexen bevölkert ist, gibt es in der Saison Steinpilze vom Grill, der als so genannter „Tartarenhut“ auf dem Tisch steht. Und selbstverständlich auch mit allen Arten von Filet belegt werden kann. Wer den „Hexenteller“ bestellt, erhält übrigens neben ladinischen Spezialitäten auch eine kleine Hexenpuppe als Souvenir.

Die Skitour, die von der Schwierigkeit der Pisten, der Sicherheit der Sessellifte und der Preisgestaltung in den Hütten her gesehen ideal ist für Familien, beginnt man am besten im Zentrum von La Villa, am Parkplatz der Talstation der Gondel Piz la Ila. Dort gibt es seit Beginn dieser Wintersaison den neuen kurzen Sessellift „Colz“, mit dem man über das Dorf schwebt, hinein in das gemütliche Skigebiet des Gardenaccia und zu den sonnigen Hängen am Fuß des Kreuzkofels. Der erste Einkehrschwung dort führt in die „Ütia Sponata“ zu Werner und Ivana Castlunger. Die beiden sind die einzigen, auf deren Hütte man auch im Winter nächtigen kann, in sechs Doppelzimmern. Seit mehr als zehn Jahren gibt es diese Hütte, der Wirt war früher Koch unten im Tal und ist jetzt Jäger, weshalb er sich in seiner Küche auf Wildgerichte spezialisiert hat. Seine gut sortierte Weinkarte hat er, was eine gute Idee ist, nach Traubensorten geordnet. Jeden Abend bietet er ein 5-Gänge-Menü an, für das er die Gäste entweder mit der Schneekatze oder mit dem Motorschlitten im Ort abholt.

Nur wenig oberhalb der Talstation des Sesselliftes „Sponata“ (und auch mit dem Auto gut erreichbar) serviert Wilma Castlunger als typisches Gericht „Panicia y turtres“, Gerstensuppe mit einer Art Pastete, die mit Spinat, Topfen oder Sauerkraut, aber auch mit Mohn oder Marmelade gefüllt sind. Dazu gibt’s einen der selbst angesetzten Schnäpse – besonders zu empfehlen ist der aus Latschenkiefern…

Von hier aus schwebt man mit dem Sessellift „Pradüc“ hinüber nach Badia, zwei weitere Sessellifte und einen kurzen Anstieg zu Fuß später kehrt man ein in die „Ütia La Crusc“, die Schutzhütte Heilig Kreuz. Draußen bittet ein Schild an der Hauswand darum, die eigenen Abfälle wieder ins Tal zu bringen. Drinnen steht Erwin Irsara am Herd und bereitet einen einzigartigen Kaiserschmarrn zu (das Einzigartige besteht in der Zugabe von etwas Orangenpunsch…).

Der 66-Jährige lebt seit mehr als 50 Jahren hier oben, kocht und läutet die Glocken der Wallfahrtskirche Heilig Kreuz. Während der Gottesdienste, die nur an einigen Sonntagen im Sommer gefeiert werden, wenn der Pfarrer aus dem Dorf herauf kommt, hilft er als Mesner. Diese Hütte strahlt eine derartig gemütliche Bergromantik aus, dass man sich, sitzt man erst einmal in der Stube an den Holztischen, nur äußerst schwer zum Aufbrechen aufraffen kann. Was nun überhaupt kein Unglück ist, denn diese Hüttentour verteilt man, wenn man mit der nötigen kulinarischen Vernunft ausgestattet ist, sowieso auf mehrere Tage.

Der Einkehrschwung am Beginn des zweisitzigen Sesselliftes „La Crusc II“ ist nicht leicht zu bewältigen: Schwingt man links herum, landet man in der „Ütia Leè“, schwingt man rechts herum, in der „Ütia Nagler“. Man kann es sich etwas einfacher machen: Wer erstklassiges Fleisch und Gemüse vom Grill bevorzugt – nach links abschwingen zu Friedl und Stefan Valentin. Freunde der gepflegten Pasta-Pfanne schwingen rechts herum zu Eugenia Crepaz und Karin Alfarei. Beide Male gibt es neben der guten Stube auch eine Sonnenterrasse – wobei die der „Ütia Leè“ ein paar Pluspunkte sammelt, allein schon wegen des ungetrübten Bergpanoramablicks.

Etwa in der Mitte der Heilig-Kreuz-Abfahrt (und auch mit dem Auto erreichbar) liegt Christof Pitscheiders „Ütia L’Tama“, zweifellos die Blaupause aller heimeligen Berghütten in den Dolomiten. Was nicht von ungefähr kommt, denn der Bauernhof Rainé, der sich im Besitz der Pitscheders befindet, ist ebenfalls ein Kleinod ladinischer Architektur. Das Wort „tamà“ bedeutete ursprünglich „Almhütte für Schafe“, Koch Martin Frenner tischt jedoch als Spezialität dreierlei Knödel auf Weißkraut auf. Unbedingt probieren muss man auch seine Schlutzkrapfen. Direkt gegenüber der Hütte, auf der anderen Seite der Piste, ist übrigens der Halteplatz des Pferdeschlitten-Shuttles zur „Ütia Oies“.

Sinnigerweise heißt die Hütte an der Talstation des Sesselliftes „Ütia Aprés ski La Munt“, womit eigentlich alles gesagt ist. Seit 1960 gibt es sie, damals war nebenan noch die Liftstation. Heute ist diese integriert, sozusagen als Hütte in der Hütte auf zwei Etagen, was eine interessante Perspektive eröffnet, wenn man innern vor einer Außenwand sitzt. Bei Franz und Martin Nagler gibt es jeden Donnerstag Live-Musik, an allen Wochentagen Knödel mit Gulasch, hausgemachte Kaminwurzen und Speck.

Gleichgültig, in welcher der acht „Ütias“ man nun gerade sitzt – irgendwie ist man den findigen Tourismusmanagern von Alta Badia sehr dankbar, dass sie die Hüttenwirte dazu gebracht haben, sich zu dieser „Skitour Gourmet Santa Croce“ zusammenzuschließen. Denn authentischer, gemütlicher und entspannter lassen sich Skitage kaum verbringen.