Klamm heimlich? Von wegen!

Wie naiv muss man sein, um am Himmelfahrtstag einen Besuch in der Breitachklamm zu wagen? Denn auf diese Idee kommen an solchen Tagen eigentlich alle. Das ist dann nicht mehr wirklich lustig. Weil die von unten aus dem Oberstdorfer Ortsteil Tiefenbach denen denen von oben aus dem Kleinwalsertal auf dem zweieinhalb Kilometer langen schmalen Steig begegnen.

Da muss man echt aufpassen, dass man sich nicht auf die Füße steigt. Schließlich bleiben die Menschen ja zwischendurch stehen und machen Fotos. Dann kommt es zu einem Stau.

Die Breitachklamm ist die tiefste Schlucht in Mitteleuropa. Bis zu 150 Meter stürzt das Wasser der Breitach in die Tiefe. Der Wahnsinn. Das ist tatsächlich ein Wunder der Natur. Bei so einem Wunder könnte man fast meinen, der liebe Gott hätte einfach mit dem Finger geschnipst. Und schwupps, wär sie dagewesen, die Klamm. Hat er aber nicht.

10.000 Jahre hat es gedauert, bis sich die Breitach so tief in den harten Schrattenkalk reingefräst hat. Und das macht sie auch noch die nächsten 10.000 Jahre, wenn nichts dazwischenkommt.

Früher sind die Menschen natürlich nicht freiwillig in die Schlucht gegangen. Es hat ja auch keinen Steig gegebn, so wie heute. Damals hat die Breitachklamm noch „Zwing” geheißen. Und drinnen haben die Zwinggeister gehaust. Die haben quasi den Eingang zur Hölle bewacht. Wer geht denn da scho hinein? Keiner, genau.

Kurz vor Weihnachten anno 1857 sind die ersten aber doch hineingestiegen. Das weiß man, weil der Förster Schwarzkopf einen Hirsch geschossen hat. Der ist dummerweise in die Schlucht gestürzt. Der Seraphim Schöll hat sich dann an einem gefrorenen Hanfseil runtergelassen, der Wahnsinnige. Weil sie haben ihm und seinen Helfern 25 Gulden versprochen. Das war ein Haufen Geld damals. Am Seil is er gehangen und hat den Hirsch ausgeweidet. Weil der sonst zu schwer zum Raufziehen gewesen wäre. Was für ein Akt. Noch dazu im Winter! Wo alles Wasser gefroren ist, und die Eiszapfen meterlang sind.

Wenn man sich das heute anschaut, ist das wie im Märchen. Man kommt sich vor wie im bizarren Schloss der Eiskönigin. Dann ist die Klamm eine andere Welt. Da meint man, dass sogar die Zeit eingefroren ist.

Im Sommer aber donnert des Wasser über die gigantischen Felsbänke, dass es eine rechte Freude ist. Besonders, wenn es kurz zuvor geregnet hat. Dann gurgelt’s mächtig in den tiefen Gumpen. Und überall sprühen feine Wassertropfen. Wenn da dann die Sonnenstrahlen drauf tanzen, dann glaubt man, es wären Diamanten.

 

Aber wenn man in die Abgründe schaut, da kann einem schon anders werden. Also lieber hinauf schauen. Wenn sich die Felswände fast berühren. Da fragtman sich unwillkürlich, wie die Fichten da stehen bleiben können. Die krallen sich regelrecht fest. Und wenn man Glück hat, sieht man eine Gams zwischen den Bäumen klettern.

Dass jede Menge Besucher aus aller Welt dieses Schauspiel heute bewundern könnent, daran ist der Pfarrer Johannes Schiebel schuld. Der hat vor mehr als hundert Jahren gewusst, dass der Tourismus die Zukunft ist. Und dann haben sie einen Steig in den Felsen gesprengt. Man muss sich das vorstellen: Da haben sie die Mineure am Seil runtergelassen. Die haben die Dynamitstangen in den Fels gesteckt und die Lunte angezündet. Dann hat man sie aber ganz schnell wieder raufziehen müssen. Weil sonst wär ihnen der Fels um die Ohren geflogen. Es hat aber keinen Unfall gegeben, sagt man.

Dafür kann man heute im Sommer und im Winter ganz bequem die zweieinhalb Kilomter durch die Schlucht laufen. Entweder unten von Tiefenbach aus oder von oben aus dem Kleinwalsertal. Aber am besten nicht an einem Feiertag.