Florida sehen und erben

Florida – das Gelobte Land! War es zumindest in den 1960er-Jahren, als viele Deutsche dazu verführt wurden, im Sunshine-State ein Grundstück mit großartigen Gewinnaussichten zu kaufen. Mein Vater war einer von ihnen. Und ich muss das jetzt ausbaden.

PalProsA2Als mein Vater Anfang dieses Jahrtausend in die ewigen Jagdgründe aufbrach, fanden sich in seinen demenzchaotischen Unterlagen auch Papiere, aus denen hervorging, dass er bereits Ende der 1980er-Jahre meiner Schwester und mir ein Grundstück in Florida überschrieben hatte. In einem Ort namens Interlachen, inmitten einer gar wunderbaren Seenlandschaft gelegen. 10.000 Quadratmeter groß. Wow! Was für eine Perspektive! Ich sah alles schon vor mir – mein Haus, mein Boot, mein Pick-up, meine Zukunft!

Bevor er als 75-Jähriger dem allmählichen Vergessen anheim fiel, war mein Vater ein akribischer Unterlagenabhefter und dazu noch ein Geheimniskrämer, was dazu führte, dass ich ihn nicht mehr fragen konnte, was es denn mit diesem Grundstück auf sich hatte. Immerhing gab es noch Prospekte und Urkunden.
Eines Tages fand ich in meinem Briefkasten eine Nachricht aus den USA, dass für das Land Steuern zu bezahlen wären, immerhin ein paar hundert Dollar. Wenn es ums Geld geht, zerplatzen Träume.

Da ich zu jener Zeit noch ein festes Einkommen, einen stressigen Job und ein ausgefülltes soziales Leben besaß, beschloss ich zu zahlen und die „Schaun-mer-mal-Strategie“ anzuwenden. Jedes Jahr traf ein Zahlungsbefehl ein, dem ich schlichtweg deswegen nachkam, weil sich mein berufliches und privates Dasein dank egoistischem Geltungsbedürfnis und zwanghaftem Perfektionswahn völlig aus dem Ruder lief.

Als meine emotionalen, psychischen und rationalen Ressourcen erschöpft und die daraus resultierenden Depressionen erfolgreich therapiert waren, lag der nächste Steuerbescheid im Briefkasten und löste einen Vergangenheitsbewältigungserdrutsch aus. Was für eine Aussicht: alles hinter sich lassen, neu anfangen, sich neu erfinden, meine jüngste Schwester und meine Cousine (beide leben nebst Familien in Florida) nach Jahrzehnten des Schweigens besuchen und endlich dieses verdammte Grundstück anschauen.

PalPros2Während des Flugs las ich in den 50 Jahre alten Prospekten. Mein Vater hatte dieselben Sätze gelesen, als er 41 war. „Dieses Gebiet“, so stand da, „ist in ganz Amerika bekannt für seine fischreichen Seen und Flüsse mit herrlichen Bass-Fischen (bass – eine besondere Fischart, die in amerikanischen Gewässern zu finden ist). Im Ocala-National-Forst ist die Jagd erlaubt.“ Trotz seiner Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg war mein Vater ein ambitionierter Jäger, bei uns zuhause hingen gehörnte Gemsenschädel an der Wand.

Das Grundstück befand sich in der Nähe eines Sees. „Der Lake Lucy“, so stand da, „ist ein wunderschöner 10 Hektar großer See. Motorbootfahren ist auf diesem See nicht gestattet: so bietet Ihnen Lake Lucy das Vergnügen ungestörten Schwimmens, Fischens und Segelns. Jeder Grundeigentümer in Interlachen Gardens und -Villas genießt volle See- und Strandrechte.“

InvestPalaAls mein Vater das Land für 9120 Mark kaufte, lebte er seit knapp 20 Jahren mit einem Steckschuss im Kopf und Granatsplittern im Rücken, hatte sich zum Textilingenieur ausbilden lassen, eine Familie gegründet und ein halbes Jahr nach der Geburt seiner Tochter den Tod seiner Frau hinnehmen müssen. Wie verlockend konnte das Gelobte Land sein?

„Interlachen Gardens und -Villas“, so stand da, „ist ein ganz neues Projekt. Sie halten das allererste Angebot in Händen. Man kann mit Recht annehmen, daß die Preise niemals niedriger sein werden als gerade jetzt.“ Und weiter: „Sie erhalten die bedingungslose Garantie, daß Ihr Grundstück hoch und trocken gelegen ist und bereits jetzt baureif ist. Das ist ein sehr wichtiger Faktor, besonders in Florida, wo es auch viel sumpfiges, tiefgelegenes und für eine Bebauung absolut ungeeignetes Land gibt.“

Im Dezember 1988 musste mein Vater dort gewesen sein, um seinen Grund und Boden in Augenschein zu nehmen, in den Unterlagen fand ich einen an mich handschriftlich adressierten Luftpostumschlag mit dem Poststempel vom 12. des Monats. Der darin enthaltene Brief war nicht zu finden. Mein Vater erzählte nie etwas von dieser Reise.

Pal7Von Orlando aus erreichte ich nach zweistündiger Autofahrt die Stadt Palatka. Sie ist der Sitz der Verwaltung von Putnam County, das meine Steuerzahlungen bekommt.  Ich zahlte den für 2015 noch offenen Betrag beim Tax Collector, in dessen Büro reger Betrieb herrschte. Gleich nebenan befand sich das Büro des Landschätzers. Dort erhielt ich neben der exakten Lage des Grundstücks – die Adresse lautete 306 Lily Trail –  auch die Auskunft, dass dessen Wert jedes Jahr aufgrund der durchschnittlichen Verkaufswerte aller Grundstücke dort ermittelt und die Grundsteuer entsprechend jedes Jahr neu festgelegt wird. Palatka liegt am St. John’s River, dort leben etwa 10.000 Menschen, die meisten wohl vom Verkauf neuer und gebrauchter mobiler Holzhäuser. Auf der Hauptstraße rauschten in endloser Folge Lastwagen vorbei. Ich übernachtete in einem Motel und teilte mein Bett mit ein paar Flöhen, wie ich am nächsten Morgen feststellte. Im Prospekt stand: In vielen ausgezeichneten Geschäften können Sie Ihren Bedarf an Waren aller Art decken.“

PalPros3Von Palatka aus fuhr ich eine halbe Stunde westwärts, vorbei an sanften Hügeln, dichten Wäldern und tiefblauen Seen. Schließlich erreichte ich Interlachen, ein trauriges Städtchen mit Holzbungalows, Supermärkten, einer Tankstelle und Fastfood-Stationen. Einige Kilometer außerhalb musste ich rechts abbiegen und folgte einer schmalen Teerstraße, rechts und links stand ebenfalls vereinzelt Holzbungalows, in den meisten Gärten sah ich Schilder, auf denen „Zu verkaufen“ stand.

PalANach wenigen Kilometern wurde die Asphaltstraße zur Sandpiste, und ich hoffte, mein Kleinwagen würde diese bewältigen. Zu beiden Seiten dehnten sich dichtes Gestrüpp, niedrige Bäume und dichtes Unterholz, auf der rechten Seite reihten sich Holzmasten mit einer Stromleitung.

 

 

Schließlich erreichte ich das Grundstück. Pal1Es bestand aus dichtem Gestrüpp, niedrigen Bäumen und dichtem Unterholz. Ich parkte den Wagen und stieg aus. Gegenüber lag etwas zurückversetzt ein dunkelgrüner Holzbungalow. Zögernd bahnte ich mir den Weg auf mein Land. Es war still. Sehr still. Mein Gelächter schreckte ein paar Vögel auf.

 

Zurück in Interlachen traf ich Zella. Sie war in ihren Fünfzigern, arbeitete als Immobilienmaklerin, war in dem Ort aufgewachsen und wollte nie weg. Sie konnte sich noch gut erinnern an jenes Gerücht in den 1960er-Jahren, als es hieß, Walt Disney wollte seinen Vergnügungspark im 40 Kilomter entfernten Silver Springs bauen. Geschäftstüchtige Investoren versprachen sich enorme Gewinne, kauften alles Land auf und teilten es in Parzellen. Disneyworld entstand in Orlando, und die wertlosen Grundstücke wurden in Europa, vor allem in Deutschland, angepriesen. Doch es wären auch vor kurzem Eigentümer aus Rumänien hier gewesen, erzählte Zella, was sie erstaunlich fand. Sie selbst besaß ein Grundstück dort, auf dem ein Wohnwagen stand. Ob ich nicht ein Haus auf mein Land stellen wollte, fragte sie, ein gut erhaltenes gebrauchtes gäbe es bereits für 10.000 Dollar, das Roden kostete etwa ebenso viel, sie hätte da auch jemanden an der Hand, der würde auch einen Brunnen bohren, das machten alle, und Wasser gäbe es genug.

Es verändert sich nichts und doch viel in 50 Jahren. Den Lake Lucy gibt es nicht mehr. Aus ihm wurde ein Schlammloch, das jetzt ein beliebtes Revier für Pick-up-Rennen der Einheimischen ist. Vielleicht kann Zella das Grundstück verkaufen. Derzeit wird es mit einem Wert von 9120 Dollar taxiert.

Auf der Rückfahrt fragte ich mich, was mein Vater wohl empfand, als er sein Land der Verheißung sah. Das hätte ich tatsächlich gern gewusst.