„Wie die kleine Nutte in Pretty Woman…“

Chuzpe, so heißt es bei Wikipedia, ist eine Mischung aus zielgerichteter intelligenter Unverschämtheit, charmanter Penetranz und unwiderstehlicher Dreistigkeit. Else Buschheuers jüngst erschienener autobiografischer Ratgeber „Verrückt bleiben!: Mein Leitfaden für freie Radikale“ ist mit viel Chuzpe geschrieben.

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Simone Thomalla ©Davidoff

Die Leipziger Schriftstellerin und Moderatorin ist eine gute Freundin der ehemaligen Leipziger „Tatort“-Kommissarin Simone Thomalla, weshalb diese im Rahmen der Davidoff Tour Gastronomique in Berlin aus dem Werk las. Bei Zwei-Sterne-Koch Hendrik Otto im „Esszimmer“ des Hotels Adlon.

Dessen Menü begann klassisch mit einer Gänseleber (Bio-Ware von nicht gestopften Tieren) in einer schönen harmonischen Kombination mit Zwetschge, Perigord-Trüffel und einem 2010er Muskateller von Ökonomierat Rebholz aus der Pfalz. „Die Bio-Gänseleber“, so Otto, „ist zwar nur halb so groß wie bei gestopften Tieren, meiner Meinung nach von der Qualität her aber noch besser und geschmacklich mindestens genauso gut.“

Beim zweiten Gang schaltete der Landwirtssohn aus Sachsen-Anhalt ein paar Umdrehungen hoch und servierte zum Alaska-Silberlachs mit Bohnenfumé, Escabechecrème, Mango und Paprika à part auf einem kleinen Eisblock ein Gewürzgurkeneis aus Spreewalder Gurken. Ein echter Knaller, würzig-frisch, eine perfekte Ergänzung zum auf den Punkt gegarten fest strukturierten Lachs, der allein schon durch die Paprika-Mango-Kombination überzeugte. Für das Eis schmort Otto Gurken mit Schalotten, gibt Estragon, Dill und Knoblauch dazu, danach noch frische Gurken, mixt alles auf, gibt Glukose und Gelatine dazu und ab in den Froster.

Nun der literarische Zwischengang. Man erfuhr im Kapitel „Nomen est Omen“, dass die Autorin ursprünglich Sabine hieß – „ich war wie eine Sabine frisiert, trug eine Sabine-Brille und hatte einen Sabine-Humor“ – mit 16 Jahren in Else Lasker-Schüler „die erste Wahlverwandte ihres Lebens“ fand und am 18. März 1986 offiziell ihren Vornamen in Else ändern ließ. „Die Sachbearbeiterin war ein institutioneller Glücksfall.“

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Nebraska-Rind ©Davidoff

Ein solcher ist zweifellos auch Hendrik Ottos Weißer Heilbutt mit Sauce Dugléré und gebratenem Langostino, plus Sellerie-Röllchen und Koriander. Ein Klassiker, weniger komplex als der Lachs zuvor, ein Gang zum Durchatmen. Otto ist Saucenfetischist, die Dugléré setzt er an mit Ingwer, Fischfond, Geflügel, zieht sie mit Basilikum aus – so hat sie eine wunderbare Frische.  Beim folgenden geschmorten Rippenstück vom Nebraska-Rind, Gulaschsaft, Wurzelgemüse und Polenta (Foto links unten) legte er wieder ein paar Drehzahlen zu – das Rind von Wagyu-Qualität, der Gulaschsaft dicht und konzentriert und so aromatisch, dass der letzte Tropfen mit einem Stückchen Brot aufgetunkt werden muss.

Nun wieder die Geistes-Geschwister Thomalla-Buschheuer. Nachdenkliches zum Thema Alleinsein, für die Autorin ein Paradoxon. Erstens sei man nie allein und zweitens sei man immer allein. Was auch gut so sei. „Wieso soll es eigentlich nicht gut sein, dass der Mensch allein sei? Das schafft einen gewissen Paarungszwang, eine fixe Idee.“

Buschheuer plädiert fürs Alleinsein: „ Ich kann zum Beispiel ein Sitzbad in einer Salatschüssel nehmen oder tagelang schweigen. Ich kann anarchisch essen und Unmengen harter Eier verschlingen ohne ein schlechtes Vorbild zu sein. Ich kann scheitern, ohne dass jemand sagt: ‚Siehste!’ Ich kann mitten in der Nacht das Licht anmachen und etwas aufschreiben. Oder Spaghetti kochen. Und niemand beschwert sich. Ich habe Freunde, aber sie müssen nicht bei mir einziehen. Ich muss mich zurückziehen können. Warum glauben Sie gibt es so viele Hobbyräume? Jeder Mensch braucht Rückzugsmöglichkeiten, und wenn er keine hat, zerhackt er irgendwann eine Frau.“ Thomalla korrigiert sich: „Da steht seine Frau.“

Zu den Lieblingsgeschichten der gebürtigen Leipziger Schauspielerin Thomalla zählt das Kapitel „Penunze“. Buschheuer beschreibt darin, wie sie sich eine Rolex kaufte, weil sie wissen wollte, wie sich das anfühlt. „Ich fühlte mich wie die kleine Nutte in Pretty Woman, die in der Boutique am Rodeo Drive nicht ernst genommen wird.“ Die Rolex jedoch entpuppte sich als Fessel am Handgelenk, als ein sie missrepräsentierendes Element. Schließlich versetzte sie das teure Stück in New York, als sie die Miete nicht mehr zahlen konnte.

Derlei Erfahrungen führten zu grundsätzlichen Überlegungen zum Thema Geld. Allein schon bei der Vorstellung reich zu sein bräche ihr der Schweiß aus, sie hätte ständig Angst um ihr Geld. Wie könne sie sicher sein, dass sie jemand um ihrer selbst willen liebt. Reich sein sei ein Alptraum, man könne ja nicht mal die Zinsen ausgeben. Und es bliebe einem nichts anderes übrig, als sich mit anderen Reichen anzufreunden, denn Arme machten einem ja ein schlechtes Gewissen. „Sind Sie arm und leiden darunter? Können Sie nachts nicht schlafen, weil Ihnen die Zukunft ungewiss erscheint? Wollen Sie ein dickes Auto und können es sich nicht leisten?“ (Hier hatte das Lachen der Jaguar-Owners-Club-Mitglieder eine durchaus höfliche Nuance.) „Denken Sie, Ihr Leben geht erst los, wenn Sie ein Einfamilienhaus mit Carport haben? Beneiden Sie andere, die mehr besitzen als Sie? Hören Sie auf damit. Kaufen Sie sich ein Sparschwein und werfen Sie jedes Mal einen Euro hinein, wenn Sie jemanden beneiden. Es wird nicht besser, wenn es anders ist. So, wie es ist, ist es gut.“

Der letzte Satz traf ohne jeden Abstrich auf Hendrik Ottos Menü zu, das mit einem feinen Ragout vom Rhabarber mit Basilikumeis, Topfenmousse und gesalzener Schokoladencrumble einen würdigen Abschluss fand. Zumal der dazu eiskalt servierte 2010er Clos de Uroulat von Charles Hours aus dem Juracon eine grandiose Entdeckung war – süß, aber doch mit Säure, vollmundig und dennoch von einer beschwingten Leichtigkeit, ja man könnte fast sagen, ein Wein mit Chuzpe.